Wie Archäologen wirklich graben: Methoden einer Ausgrabung
Archäologie sieht im Film so aus: Ein Pinsel fährt über einen goldenen Schädel, dann hebt jemand ihn hoch. Die Realität ist eine geordnete, papierakkumulative, körperlich anstrengende Wissenschaft, in der die meiste Zeit damit verbracht wird, braune Erde aus brauner Erde zu unterscheiden. Was dabei entsteht, ist ein unwiderrufliches Dokument. Das Graben selbst ist die Datenerhebung — und sie lässt sich nicht wiederholen.
Grid-Aufbau und Einmessung
Bevor eine Trowel den Boden berührt, wird das Grabungsgelände eingemessen. Ein Grabungsgrid unterteilt die Fläche in gleichgroße Planquadrate — typisch ein mal ein Meter oder fünf mal fünf Meter, je nach Grabungstyp und Funderwartung. Referenzpunkte werden mit einem Tachymeter oder einem GPS mit Zentimetergenauigkeit eingemessen und an lokale oder nationale Koordinatensysteme angebunden. Jedes Planquadrat bekommt eine alphanumerische Bezeichnung. Das Grid ist das Rückgrat der Raumkontrolle: Ohne es lassen sich Funde nicht in ihrer genauen Position dokumentieren, und die räumliche Verteilung von Artefakten ist oft so informativ wie die Artefakte selbst.
Befundnummerierung und Single-Context-Recording
In der modernen britischen und norwesteuropäischen Grabungspraxis, die weltweit Schule gemacht hat, wird nach dem Single-Context-Recording-Prinzip gearbeitet. Jeder einzelne stratigraphische Kontext — eine Schicht, eine Grube, eine Mauer, eine Planierschüttung — bekommt eine eindeutige, nicht wiederverwendbare Befundnummer. Zu jedem Befund gehört ein eigenes Formblatt: Beschreibung der Sedimentfarbe und -textur nach der Munsell-Farbskala, Konsistenz, Inklusions- material, Grenzen zu benachbarten Befunden, Fundliste.
Die Befundnummern sind die Grundlage für die Harris-Matrix, ein von Edward Harris in den 1970er Jahren entwickeltes System zur grafischen Darstellung stratigraphischer Beziehungen. Die Matrix ordnet alle Befunde einer Grabung in eine chronologische Sequenz, ohne dass Datierungen dafür nötig sind — rein auf Basis der physischen Über- und Unterordnung der Schichten. Eine gut geführte Harris-Matrix für eine komplexe städtische Grabung kann Hunderte von Befunden umfassen und ist das zentrale Interpretationsdokument der Stratigraphie.
Werkzeuge: Trowel, Kelle, Hacke
Das Standardwerkzeug der Ausgrabung ist die Marshalltown-Trowel (Kellenschaufel mit geradem Blatt), in Kontinentaleuropa auch schlicht "Kelle" genannt. Sie dient zum kontrollierten Abtragen von Erde in dünnen Lagen, zum Schaben und Putzen von Befundgrenzen und zum Herausheben von Funden. Gröberes Material wird mit Spaten, Mattock (Hacke) oder, bei großen mechanischen Abträgen, Baggern entfernt — aber immer unter archäologischer Aufsicht und nie in fundsensiblen Schichten.
Für fragile Funde, insbesondere Knochen, Keramik und Metall, werden Pinsel verwendet — nicht als Hauptwerkzeug wie im Film, sondern zum Freilegen und Putzen nach dem eigentlichen Abtrag.
Sieben und Flotation
Nicht alle Funde lassen sich beim Abtragen erkennen. Kleinfunde wie Münzen, kleine Tierknochen, Samen und Glasperlen werden durch Sieben gewonnen. Das abgetragene Sediment wird durch Siebe mit unterschiedlichen Maschenweiten (typisch 10 mm, 5 mm, 2 mm) geschüttelt oder gespült. Für organisches Material ist die Flotation die Methode der Wahl: Das Sediment wird in ein Wasserbecken gegeben, wobei leichte organische Reste (verkohlte Samen, Fischereiungsreste, Insektenchitinpanzer) aufschwimmen und auf einem feinen Netz gesammelt werden. Die Flotation ist für die paläobotanische und archäozoologische Analyse unerlässlich und hat unser Wissen über prähistorische Ernährung in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert.
Ein Prozentsatz jedes Befunds wird routinemäßig gesiebt oder flotiert, nicht nur Schichten, die vielversprechend wirken. Die Standardvorgabe an vielen Grabungen lautet: zehn Liter Probe pro Befund für Flotation, plus selektive Siebung beim Gesamtabtrag.
Kleinfunde und Etikettierung
Jeder Fund, der in situ angetroffen wird, bekommt eine dreidimensionale Koordinate — x, y, z — gemessen mit dem Tachymeter oder einem Messband vom Grid-Referenzpunkt. Die Fundtüte trägt Befundnummer, Planquadrat, Datum, Ausgräberinitialien und eine laufende Fundnummer. Kleinfunde — Münzen, Metallobjekte, Knochen mit Schnittmarken, diagnostische Keramikscherben — werden als "special finds" separat behandelt und photographiert bevor sie geborgen werden.
Massenkeramik wird pro Befund gesammelt und gesamtgewogen, dann von einem Spezialisten analysiert. Stratigraphisch datierbare Keramiktypen sind oft das einzige präzise Datierungsmittel auf Grabungen ohne organisches Material.
Das Grabungstagebuch
Am Ende jedes Arbeitstags schreibt die Grabungsleitung oder die verantwortliche Feldarchäologin einen Tagesabschlussbericht ins Grabungstagebuch: welche Befunde bearbeitet wurden, was beobachtet wurde, welche Interpretationshypothesen sich ergeben haben und welche Fragen offen bleiben. Das Tagebuch ist kein Protokoll der vollendeten Tatsachen, sondern ein Denkinstrument — es hält Unsicherheiten fest, vermerkt Widersprüche zwischen Befunden und diskutiert alternative Deutungen.
Zusammen mit den Befundblättern, der Fundliste, dem Photodokumentation und dem Planzeichnungsarchiv bildet das Tagebuch den "stratigraphischen Bericht", der nach Abschluss der Feldarbeit die Basis für die wissenschaftliche Publikation ist. An professionellen Ausgrabungen in Großbritannien etwa schreibt das Regelwerk vor, dass diese Dokumentation im Archiv verbleibt und für Dritte zugänglich sein muss — die Grabung gehört dauerhaft dem wissenschaftlichen Gedächtnis, nicht nur dem aktuellen Ausgräberteam.
Warum das alles wichtig ist
Eine schlecht dokumentierte Ausgrabung ist nicht nur wissenschaftlich wertlos — sie ist aktiv schädlich. Sie vernichtet den Befund, ohne Daten zu gewinnen, die spätere Generationen mit besseren Methoden nutzen könnten. Die Disziplin der modernen Ausgrabungsmethodik ist deshalb auch eine Ethik: Wer gräbt, hat Verantwortung gegenüber dem Befund, der zerstört wird, und gegenüber dem Wissen, das daraus entstehen könnte.
Wer mehr über das Methodenspektrum der Archäologie verstehen will, bevor er eine Stätte besucht, findet auf der Karte die Fundorte, zu denen oft auch Grabungsberichte und Museums-Links zugänglich sind.