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Zooarchäologie: Was Tierknochen über das menschliche Leben erzählen

Auf den meisten archäologischen Ausgrabungen werden neben Keramik, Metall und Steinartefakten große Mengen von Tierknochen gefunden. Für lange Zeit wurden diese als Abfall behandelt und manchmal sogar weggeworfen. Seit den 1960er und 70er Jahren hat sich die Zooarchäologie (auch Archäozoologie) als eigenständige Subdisziplin etabliert, die aus diesen "Knochen-Müllhaufen" ein erstaunlich detailliertes Bild vergangenen Lebens gewinnt.

Was Tierknochen erzählen

Der erste Schritt der zooarchäologischen Analyse ist die Artidentifizierung: Welche Tierarten sind im Fundbestand vertreten? Das gibt Aufschluss über die jagdbaren und gehaltenen Tiere einer Epoche und Region.

Der zweite Schritt ist die Alters- und Geschlechtsbestimmung: An welchem Alter wurden Rinder geschlachtet? Wurden vorzugsweise Weibchen oder Männchen gehalten? Junge Tiere liefern Fleisch; ältere Weibchen werden für Milch und Nachwuchs behalten; ältere Arbeitstiere (Ochsen) haben eine Schlachtung im fortgeschrittenen Alter. Diese Muster — das sogenannte Schlachtalter-Profil — zeigen, ob eine Gesellschaft primär Fleisch, Milch oder Arbeitsleistung von Rindern nutzte.

Schlachtspuren und Zerlegung

Tierknochen tragen häufig Schlacht-, Zerlegungs- und Konsumspuren: feine Schnittmarken von Messerklinge, Hackmarken von Hackmessern, Knabberspuren von Fleischfressern und Nagetieren. Die systematische Erfassung dieser Spuren erlaubt die Rekonstruktion der Verarbeitungsweise: Wo wurde geschlachtet? Welche Körperteile kamen in welche Bereiche des Haushalts? Wurden Knochen für Markextraktion aufgebrochen?

Die Messer-Schnittmarken-Analyse ist besonders wertvoll: Ihre Lage auf dem Knochen zeigt, ob ein Tier an der Schlachtstelle geöffnet (Eviszeration), zerlegt (Portionierung), oder später enthäutet wurde. Diese "taphonomischen" Spuren sind wie ein Rezept in Stein gemeißelt.

Tierhaltung und Domestikation

Die Geschichte der Domestikation — wann und wo wurden Tiere zu Haustieren? — ist eines der zentralen Themen der Zooarchäologie. Domestizierte Tiere unterscheiden sich von wilden Vorfahren in ihrer Skeletmorphologie: kleiner (Rinder, Schweine), mit anderen Hornformen (Ziegen), oder mit anderen Proportionen (Hunde). Diese morphologischen Veränderungen sind im Knochen erkennbar und zeigen den Verlauf der Domestikation.

Für das Rind ist der älteste gesicherte Domestikationsbeleg aus dem Nahen Osten (Anatolien und der Fruchtbare Halbmond, ca. 8000–7000 v. Chr.); für das Schaf und die Ziege ähnlich früh; für das Pferd ca. 3500 v. Chr. aus der Pontischen Steppe. Diese Datierungen basieren wesentlich auf zooarchäologischen Analysen.

Rituelle und symbolische Nutzung

Tierknochen zeigen auch über Ernährung hinaus: Bestimmte Knochen wurden als Ritualdeponierungen in Gruben gelegt (Hunde, Pferde, Stiere in eisenzeitlichen Kontexten); vollständige Tiere wurden in Gräber mitgegeben (Pferde im Skythengrab, Hunde in ägyptischen Nekropolen). Die Unterscheidung zwischen Nahrungsabfall und ritueller Deponierung ist oft schwierig — sie erfordert die Analyse der Vollständigkeit des Skeletts, der Lage im Kontext und der Vergesellschaftung mit anderen Befunden.

Fischknochen und marine Ressourcen

Fischknochen sind kleiner und brüchiger als Säugerknochen und werden bei normaler Siebgröße verloren. Erst die Einführung von Feinsiebung (1–2 mm Maschenweite) in den 1970er Jahren hat die Fischknochen-Archäologie systematisch ermöglicht. Seitdem zeigt sich, dass Fisch in vielen Kulturen wichtiger war als zuvor angenommen: Für küstennahe und flussnahe Gesellschaften war marine Nahrung oft der primäre Proteinlieferant.

Das Fischereidorf der Wikinger bei Þórarinshöfn (Norðlendingafjórðungur, Island) wurde durch Fischknochen-Analyse als spezialisiertes Kabeljau-Exportzentrum identifiziert — eine frühe Fischereiwirtschaft des 9. Jahrhunderts, die für den Export nach Europa produzierte.

Insekten und Parasiten: die kleinsten Zeugen

Auch Insekten, Parasiteneier und Würmer aus archäologischen Ablagerungen liefern Informationen: Latrineninhalt, Vorratsgefäße und Viehstallablagerungen enthalten die Chitinhüllen von Käfern, die auf bestimmte Lagerbedingungen hinweisen. Parasiteneier in menschlichen Fäkalien zeigen Infektionskrankheiten und Hygienebedingungen.

Die Jorvik-Ausgrabungen in York (1976–81) lieferten durch diese Methode ein ungewöhnlich plastisches Bild des Alltagslebens der Wikinger-Stadt: Die Latrinengruben enthielten Parasiteneier (Spulwürmer, Peitschenwürmer), Käfer- Chitinhüllen von Vorratskäfern und Fleischfliegen — ein detailliertes Bild von Körperhygiene und Nahrungslagerung.

Auf der Karte erkunden

Stätten, die durch zooarchäologische Analysen besonders gut charakterisiert sind — Biskupin (Polen), Mohenjo-daro (Pakistan), Jorvik (York, UK) — sind auf der interaktiven Karte eingetragen und bieten Einblicke in wirtschaftliche und rituelle Aspekte des tierischen Lebens in der Archäologie.

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