Die 10 bedeutendsten archäologischen Stätten in Syrien
Syrien gehört zu den archäologisch reichsten Ländern der Welt. Zwischen dem Euphrat im Osten und den Küstengebirgen im Westen haben sich Zivilisationen überlagert, die von den frühesten städtischen Siedlungen der Menschheit bis zur islamischen Stadtkultur des Mittelalters reichen. Das Land beherbergt Zeugnisse der Akkader, Hethiter, Aramäer, Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Byzantiner und Araber — eine Dichte, die weltweit ihresgleichen sucht.
1. Palmyra (Tadmur), Zentralsyrien
Palmyra, auf Arabisch Tadmur, war eine Karawanenstadt in der syrischen Wüste, die im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. als Vermittlerin zwischen dem Römischen Reich und den Partherreichen im Osten zu außerordentlichem Reichtum gelangte. Der Tempel des Bel (1. Jahrhundert n. Chr.), die Kolonnadenstraße, das Theater und die Grabturmkulturen zeigen einen einzigartigen Synkretismus zwischen palmyrenischer, griechisch-römischer und mesopotamischer Kunst. Königin Zenobia führte im 3. Jahrhundert einen kurzlebigen Unabhängigkeitsstaat, bevor Kaiser Aurelian die Stadt 273 n. Chr. unterwarf. UNESCO-Welterbestätte seit 1980.
2. Apamea (Afamia), Nordwestsyrien
Apamea, gegründet von Seleukos I. um 300 v. Chr. und nach seiner Gemahlin Apama benannt, war eine der größten hellenistischen Städte des Nahen Ostens. Die 1,85 Kilometer lange Kolonnadenstraße — breiter und eindrucksvoller als jene in Palmyra — durchzieht die Stadt von Norden nach Süden. Römische Mosaike aus den Privathäusern Apameas gehören zu den qualitätvollsten der antiken Welt und befinden sich heute im Nationalmuseum Damaskus sowie in Brüssel. Eine intensive belgische Ausgrabungskampagne der 1930er bis 1970er Jahre legte die Grundlagen der modernen Kenntnisse über die Stadt.
3. Ebla (Tell Mardikh), Nordwestsyrien
Ebla war eines der frühesten Stadtzentren der Welt. Die italienische Ausgrabungsmission unter Paolo Matthiae entdeckte ab 1964 einen bronzezeitlichen Palast aus dem 24. Jahrhundert v. Chr. mit einem Archiv von über 17.000 Keilschrifttafeln — das älteste bekannte Staatsarchiv der Geschichte. Die Tafeln zeigen, dass Ebla ein weitreichendes Handelsnetzwerk von Ägypten bis nach Mesopotamien unterhielt und eine eigene Schreibschule besaß, die die semitische Sprache der Eblaiten festhielt. Die Stätte bietet auch Reste mehrerer Nachfolgephasen aus dem Mittleren Reich und der Eisenzeit.
4. Mari (Tell Hariri), Mittlerer Euphrat
Mari, am Mittleren Euphrat in der heutigen Provinz Deir ez-Zor, war zwischen 2900 und 1759 v. Chr. eines der bedeutendsten Stadtkönigreichs des Alten Orients. Der französische Archäologe André Parrot begann 1933 mit Grabungen und stieß auf einen Palast von 300 Räumen mit Wandgemälden und über 20.000 Keilschrifttafeln. Die Korrespondenz des Königs Zimri-Lim mit Hammurabi von Babylon und anderen Potentaten seiner Zeit gibt einen direkten Einblick in die mesopotamische Diplomatie des 18. Jahrhunderts v. Chr. Der Palast wurde von Hammurabi zerstört.
5. Dura-Europos, Osteuphrat
Dura-Europos wurde 303 v. Chr. von Seleukiden gegründet, war lange Zeit unter parthischer Herrschaft und wurde 256 n. Chr. von den Sasaniden zerstört — und danach nicht wieder besiedelt, was die Erhaltung einzigartig macht. Das Yale- French-Ausgrabungsprojekt der 1920er und 30er Jahre enthüllte einen Mithras- Tempel, eine der ältesten erhaltenen christlichen Hauskirchen (ca. 235 n. Chr.) und eine Synagoge mit bemerkenswerten Wandgemälden, die biblische Szenen schildern. Diese Glaubensvielfalt in einer einzigen Grenzstadt macht Dura-Europos zu einem einzigartigen Laboratorium der spätrömischen Religionsgeschichte.
6. Ugarit (Ras Shamra), Mittelmeerküste
Ugarit, bei der modernen Stadt Latakia gelegen, war ein Küstenhandelsplatz der Bronzezeit, der im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. seinen Höhepunkt erlebte. Die französischen Ausgrabungen ab 1929 förderten einen Palastkomplex und ein Archiv mit Tontafeln zutage, auf denen das ugaritische Alphabet, eine der frühesten alphabetischen Schriften, überliefert ist. Die religiösen Texte aus Ugarit — die Epen um Baal und Anat — sind die bedeutendste kanaanäische Literatur, die bekannt ist, und haben unser Verständnis der biblischen und phönizischen Religion grundlegend verändert.
7. Bosra, Südsyrien
Bosra, in der Provinz Daraa gelegen, war die Hauptstadt der römischen Provinz Arabia Petraea und besitzt eines der besterhaltenen römischen Theater der Welt (2. Jahrhundert n. Chr.), das bis zu 15.000 Zuschauer fasste. Ein mittelalterlicher arabischer Festungsring schützt das Theater seit dem 13. Jahrhundert — eine glückliche Fügung, die seine Erhaltung sicherte. Die Stadt enthält außerdem Reste einer nabatäischen, römischen und byzantinischen Stadtanlage, frühislamische Moscheen und ein bedeutendes Kirchengebäude (Cathedral of Bosra, 513 n. Chr.). UNESCO-Welterbestätte seit 1980.
8. Ain Dara, Nordwestsyrien
Der Ain-Dara-Tempel, entdeckt 1955 und systematisch seit den 1980er Jahren ausgegraben, ist ein eisenzeitlicher Tempelbau des 10. bis 8. Jahrhunderts v. Chr., der enge Parallelen zum salomonischen Tempel in Jerusalem zeigt, wie er im Alten Testament beschrieben wird: Dreiteilung des Grundrisses, Sphinxen an den Eingängen, riesige Fußabdrücke im Stein vor dem Eingang, die rituelle Prozessionen anzeigen. Der Vergleich ermöglicht eine einzigartige Verortung der biblischen Tempelbeschreibung im archäologischen Kontext des syro-hethitischen Stadtstaatensystems.
9. Resafa (Sergiupolis), Zentralsyrien
Resafa, eine befestigte Pilgerstadt in der syrischen Wüste, entstand um das Martyrium des heiligen Sergius, der um 305 n. Chr. hingerichtet wurde. Die Anlage aus dem 5. bis 8. Jahrhundert n. Chr. zeigt eine vollständige byzantinische Stadtmauer, drei Basiliken und ein Wasserreservoirsystem, das die Stadt in der wasserarmen Wüste lebensfähig hielt. Resafa war eines der wichtigsten Pilgerziele Syriens und wurde nach der arabischen Eroberung unter dem Namen Rusafat Hisham weiterentwickelt. Die Stätte ist ausgesprochen gut erhalten.
10. Tell Halaf, Nordostsyrien
Tell Halaf, nahe der türkischen Grenze in der Provinz Hasaka, ist die Namengeberin der Halaf-Kultur, einer wichtigen neolithischen Töpfertradition Nordmesopotamiens (6. und 5. Jahrtausend v. Chr.). Max Freiherr von Oppenheim entdeckte 1899 unter dem Neolithikum einen palastoartigen Bau aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., den er dem aramäischen Stadtkönig Kapara von Bit Bahiani zuordnete. Die eindrucksvollen Basaltskulpturen — Löwen, Sphinxen, Götterreliefs — wurden nach Berlin gebracht und beim Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört; ein Teil wurde mühevoll restauriert.
Auf der Karte erkunden
Die archäologischen Stätten Syriens sind über das gesamte Land verteilt — von der Mittelmeerküste bis in die mesopotamische Tiefebene. Viele sind auf der interaktiven Karte eingetragen und zeigen, wie dicht das Netz prähistorischer und historischer Siedlungen in dieser Region war.