Die 10 bedeutendsten Wikinger-Stätten
Die Wikinger-Archäologie hat in den letzten Jahrzehnten das populäre Bild dieser Kultur grundlegend verändert: Weniger barbarische Krieger als vielmehr weitgereiste Händler, Siedler, Diplomaten und Handwerker, die Handelsstätten von Nordamerika bis Zentralasien gründeten. Die Stätten des Wikinger-Zeitalters (ca. 793–1066 n. Chr.) verteilen sich von Island bis zu den Flusssystemen Russlands.
1. Jorvik (York), England
Die Jorvik-Ausgrabungen (Coppergate, York, 1976–81) zählen zu den bedeutendsten städtischen Ausgrabungen Nordeuropas. Die Ausgräber des York Archaeological Trust gruben ein nahezu vollständiges Wikinger-Stadtquartier des 10. Jahrhunderts aus, mit Häusern, Werkstätten (Glasmacher, Knochen-schnitzer, Metallschmiede), Latrinengruben (reich an organischem Material und Parasiten) und Straßen- pflaster. Das Jorvik Viking Centre rekonstruiert das Viertel in einer interaktiven Zeitreise.
2. Hedeby, Deutschland/Dänemark
Hedeby (dänisch Haithabu), an der Schleswig-Holsteinischen Grenze, war der bedeutendste Handelsplatz Skandinaviens im 9./10. Jahrhundert — ein Emporium an der Kreuzung zwischen Nord- und Ostsee-Handelsrouten. Die Ausgrabungen haben Handwerker-Viertel, Hafenanlagen und über 100 Schiffsfunde (darunter drei vollständige Langschifte) geliefert. Hedeby wurde 1049 zerstört; die Stätte blieb danach unbesiedelt, was die Erhaltung begünstigte. UNESCO-Welterbestätte (Haithabu und Danewerk) seit 2018.
3. Birka, Schweden
Birka, auf einer Insel im Mälarsee westlich von Stockholm, war das erste gesicherte schwedische Städtezentrum und ein bedeutendes Handelszentrum des 9. Jahrhunderts. Die Ausgrabungen haben eine dichte Besiedlung mit Handwerker- vierteln und eine Nekropole mit über 1000 Gräbern enthüllt. Das Grab Bj 581 (1877 ausgegraben) war lange als Wikingerkämpfer-Grab interpretiert worden; eine 2017 publizierte aDNA-Analyse zeigte, dass die bestattete Person biologisch weiblich war — was intensive Debatten über die Geschlechterrollen in der Wikinger- Gesellschaft auslöste. UNESCO-Welterbestätte (Birka und Hovgården) seit 1993.
4. Jelling, Dänemark
Jelling, in Jütland, ist das Monument des ersten dänischen Königshauses, das das Christentum übernahm: Harald Blauzahn ließ um 965 n. Chr. zwei Runensteine errichten, von denen der größere die erste Erwähnung Dänemarks als Königreich enthält und als "Taufstein Dänemarks" gilt. Die zwei großen Grabhügel, die Holzkirche darunter und die Runensteine bilden das bedeutendste Monument des frühmittelalterlichen Dänemarks. UNESCO-Welterbestätte seit 1994.
5. L'Anse aux Meadows, Kanada
L'Anse aux Meadows, auf Neufundland, ist der einzige archäologisch gesicherte Wikinger-Siedlungsort in Nordamerika (ca. 1000 n. Chr.) — die Vinland der Sagas. Die Ausgrabungen von Helge und Anne Stine Ingstad (1960–68) enthüllten acht Gebäude nach nordischer Bautradition, Eisennägel, Bootsteile und eine Bronzeschnalle. L'Anse aux Meadows belegt eindeutig, dass Europäer Nordamerika 500 Jahre vor Columbus betraten. UNESCO-Welterbestätte seit 1978.
6. Kaupang, Norwegen
Kaupang, am Vestfold-Fjord in Norwegen, war der älteste bekannte Handelsplatz Norwegens (ca. 800–900 n. Chr.). Die Ausgrabungen von Charlotte Blindheim und später durch die Universität Oslo haben eine dichte Handwerkersiedlung und eine Nekropole mit Schiffsbestattungen enthüllt. Kaupang zeigt den Beginn der skandinavischen Urbanisierung und die Integration der norwegischen Küste ins nordeuropäische Handelsnetzwerk.
7. Gamla Uppsala, Schweden
Gamla Uppsala, nördlich von Uppsala, ist das religiöse und politische Zentrum des vorchristlichen Schwedens: drei große Grabhügel (möglicherweise Königsgräber des 5./6. Jahrhunderts), ein Tempel und ein Thing-Platz werden von mittelalterlichen Quellen (Adam von Bremen) erwähnt. Die Ausgrabungen haben prähistorische Funde, germanisch-völkerwanderungs-zeitliche Artefakte und frühmittelalterliche Strukturen freigelegt. UNESCO-Nominierung läuft.
8. Roskilde (Wikingerschiffe), Dänemark
Im Roskilde Fjord wurden 1962 fünf Wikingerschiffe aus dem 11. Jahrhundert geborgen, die absichtlich versenkt worden waren, um einen Fahrwasser-Angriff zu sperren. Die Schiffe — zwei Kriegsschiffe, zwei Handelsschiffe, ein Fischerboot — sind im Wikingerschiff-Museum Roskilde aufgestellt und gelten als die am besten erhaltene Schiffsflotte der Wikingerzeit. 1996 wurde ein weiteres Schiff gefunden (Roskilde 6 — das längste bisher bekannte Wikingerschiff: 37 Meter).
9. Novgorod (Handelsniederlas-sungen der Rus), Russland
Weliki Nowgorod, an den Flussrouten von der Ostsee zum Schwarzen Meer, war ein wichtiger Knotenpunkt des Wikinger-Handels in Osteuropa: Die Rus (ostnordische Wikinger) kontrollierten die Flussrouten und gründeten Handelsstützpunkte, die zum Kern der mittelalterlichen Rus-Staaten wurden. Die Birkenrindenbriefe aus Nowgorod belegen Handelsbeziehungen zwischen skandinavischen und slawischen Kaufleuten des 10.–12. Jahrhunderts.
10. Sutton Hoo, England
Sutton Hoo in Suffolk (entdeckt 1939) ist technisch eine Stätte der früh- angelsächsischen Zeit (ca. 625 n. Chr.) — zeitlich vor der Wikingerzeit im engeren Sinn, aber kulturell ein Schlüsseldokument der germanischen Schiffsbestattungs- tradition. Das vollständige Schiffsabdruck und die Grabkammer mit Helm, Schwert, Goldfibeln und byzantinischem Silber zeigen die Hochkultur der frühmittelalterlichen Nord-seeküsten vor den Wikingerzügen. Das 2021 eröffnete Nationaltrust-Museum ist hervorragend.
Auf der Karte erkunden
Wikingerstätten verteilen sich von Kanada bis zur Ukraine, von Schweden bis Sizilien. Die interaktive Karte zeigt die geographische Reichweite der skandinavischen Expansion.