Die 10 bedeutendsten archäologischen Stätten im Irak
Mesopotamien, das Land zwischen Euphrat und Tigris, war der Ort, an dem Schrift, Stadtleben, kodifiziertes Recht und Monumentalarchitektur zuerst entstanden. Der Irak, der den Kern dieses Gebiets umfasst, trägt ein archäologisches Erbe, das in seiner historischen Bedeutung unerreicht ist. Die Sicherheitslage variiert regional erheblich und hat sich seit 2020 in weiten Teilen des Landes stabilisiert — Bagdad, die Schiiten-Heiligtumsstädte Najaf und Karbala sowie die Kurdistan-Region empfangen wieder internationale Besucher. Stätten im Zentralirak und in Ninawa sind zugänglicher als in den Jahren 2014-2018, aber Reisewarnungen des jeweiligen Außenministeriums sollten vor der Planung stets geprüft werden.
1. Babylon, Provinz Babil
Babylon, 90 Kilometer südlich von Bagdad, war von ca. 2300 bis 539 v. Chr. mehrfach die bedeutendste Stadt der Welt — unter Hammurabi (ca. 1750 v. Chr.), der hier seinen Gesetzeskodex formulierte, unter Nebukadnezar II. (ca. 600 v. Chr.), der die legendären Hängenden Gärten und das Ischtar-Tor baute, und als Teil des persischen Achämenidenreichs. Das sichtbare Babylon ist hauptsächlich neubabylonisch (7.-6. Jahrhundert v. Chr.). Das rekonstruierte Ischtar-Tor im Pergamonmuseum Berlin zeigt die Glasurziegel-Dekoration im Originalzustand; vor Ort sind Fundamente und ein im 20. Jahrhundert von Saddam Hussein schlecht restaurierter Palasthügel zu sehen. UNESCO-Welterbestätte seit 2019.
2. Ur, Provinz Dhi Qar
Ur war eine der mächtigsten Städte des sumerischen Mesopotamien (ca. 3000- 2000 v. Chr.) und die Stadt, aus der die biblische Tradition Abraham stammen lässt. Leonard Woolley grub Ur zwischen 1922 und 1934 für das British Museum und das University of Pennsylvania Museum aus und entdeckte die Königsgräber mit ihren Menschenopfern, Goldhelmen, Goldlieren und Lapislazuli-Einlagen (die Standarde von Ur). Die Zikkurat von Ur, dreistufig und teilweise von König Ur-Nammu um 2100 v. Chr. erbaut, ist die am besten erhaltene Zikkurat im Irak. Die Stätte liegt nahe der Stadt Nasiriyya und ist mit einem Inlandsflug aus Bagdad erreichbar.
3. Ninive, Provinz Ninawa
Ninive, die Hauptstadt des neuassyrischen Reichs unter Sanherib (ca. 700 v. Chr.) und Assurbanipal, lag gegenüber dem heutigen Mossul am Ostufer des Tigris. Assurbanipals Bibliothek, eine der ältesten der Welt mit über 30.000 Keilschrifttafeln (darunter das Gilgamesch-Epos), wurde 1849-1851 von Henry Layard für das British Museum ausgegraben. Der IS zerstörte 2015 den Nergal- Tempel und die Lamassu-Reliefs bei dem Stadttor. Teile der Stadtmauer und die Stätte Nebi Yunus (Jonagrab) wurden gleichfalls beschädigt. Restaurierungs- arbeiten sind im Gang; die Zugänglichkeit hat seit der Befreiung von Mossul 2017 zugenommen.
4. Nimrud, Provinz Ninawa
Nimrud (antikes Kalchu) war die erste Hauptstadt des neuassyrischen Reichs unter Assurnasirpal II. (ca. 879 v. Chr.) und später unter Salmanassar III. Austen Henry Layard grub dort ab 1845 und entdeckte geflügelte Menschenköpfe (Lamassu), Elfenbeinschnitzereien (die "Nimrud-Elfenbeine") und wandfüllende Steinreliefs, die sich heute im British Museum, im Irak-Museum Bagdad und im Metropolitan Museum befinden. 2015 zerstörte der IS die sichtbare Substanz von Nimrud mit Baggern und Sprengstoff; die unterirdischen Befunde blieben teilweise intakt. Internationale Archäologenteams arbeiten an der Stätte.
5. Hatra, Provinz Ninawa
Hatra war eine parthisch-arabische Stadtgründung des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr., die zweimal erfolgreichen Widerstand gegen römische Belagerungen leistete (Trajan und Septimius Severus). Die Architecur kombiniert parthische Iwan-Formen mit hellenistischen Säulenordnungen. 2015 zerstörte der IS große Teile der Tempelanlagen vor laufenden Kameras. Hatra war vor 2014 UNESCO- Welterbestätte (seit 1985) und steht seit 2015 auf der UNESCO-Roten Liste. Restaurierungsarbeiten haben begonnen; die Stätte ist wieder zugänglich.
6. Samarra, Provinz Salah ad-Din
Samarra war von 836 bis 892 n. Chr. die abbasidische Hauptstadt und übertraf Bagdad in dieser Zeit an Größe. Die Große Moschee von Samarra (848-852 n. Chr.) mit ihrem spiralförmigen Minarett (Malwiyya, 52 Meter hoch) ist das bekannteste Monument. Der spiralförmige Turm beeinflusste direkt das Minaret der Ibn Tulun- Moschee in Kairo. Die archäologische Stätte erstreckt sich über 60 Kilometer des Tigrisufers. UNESCO-Welterbestätte seit 2007.
7. Ktesiphon (Taq Kasra), Provinz Bagdad
Ktesiphon war die Hauptstadt des Partherreichs und des Sasanidenreichs und die größte Stadt der Welt im 6. Jahrhundert n. Chr. Der Taq Kasra (Bogen des Chosrau), Überrest des Palastes der Sasaniden, ist der größte jemals gebaute Ziegelgewölbebogen der Geschichte: 37 Meter hoch, 26 Meter breit, mit einem Spannmaß ohne stützende Säulen. Er steht wenige Kilometer südlich von Bagdad, zugänglich und beeindruckend im Freilichtstand. Die Sasaniden-Periode (224-651 n. Chr.) ist eine der unterrepräsentierten in der öffentlichen Wahrnehmung mesopotamischer Geschichte.
8. Erbil-Zitadelle, Kurdistan-Region
Die Zitadelle von Erbil (Hawler) steht auf einem künstlichen Tells aus 6000 Jahren kontinuierlicher Besiedlung — möglicherweise der ältesten durchgehend bewohnten Siedlung der Welt. Der ovale Hügel, von einer monumentalen ottomani- schen Stadtmauer umgeben, enthält Gassen und Häuser, die bis vor einigen Jahrzehnten bewohnt waren. Ein Restaurierungsprojekt der Welterbe-Organisation wird von der kurdischen Regionalregierung und internationalen Partnern gemeinsam betrieben. UNESCO-Welterbestätte seit 2014. Erbil ist über direkte internationale Flüge gut erreichbar und gilt als sicherste Destination im Irak.
9. Uruk, Provinz Muthanna
Uruk (biblisches Erech) war um 3400-3100 v. Chr. die erste Millionenstadt der Geschichte — mit einer Bevölkerungsschätzung von 50.000 bis 80.000 Menschen zu ihrer Blütezeit, umgeben von einer neun Kilometer langen Stadtmauer. Hier entstand die älteste Schrift der Welt (proto-keilschriftliche Tontafeln, ca. 3200 v. Chr.). Uruk ist auch die Heimatstadt des mythischen Königs Gilgamesch. Deutsche archäologische Expeditionen (Deutsche Orient-Gesellschaft) haben die Stätte seit 1912 bearbeitet; die Ausgrabungen wurden 2002 unterbrochen und danach wieder aufgenommen. Die Stätte liegt in schwer zugänglichem Gelände in der Wüste westlich des Euphrats.
10. Eridu, Provinz Dhi Qar
Eridu gilt in der sumerischen Überlieferung als die erste Stadt, die das Königtum vom Himmel empfing. Die Ausgrabungen des Iraq Directorate of Antiquities in den 1940er und 1950er Jahren fanden übereinandergeschichtete Tempelbauten bis in die Ubaid-Periode (ca. 5400 v. Chr.) — die früheste bekannte Tempelsequenz in Mesopotamien. Eridu liegt heute inmitten der Wüste nahe Nasiriyya; die Stätte ist schwer zugänglich und erfordert ein spezialisiertes Reisearrangement, lohnt sich aber für ernsthafte Archäologiereisende als Besuch am absoluten Ursprung der städtischen Zivilisation.
Hinweise zur Reise
Reisen in den Irak außerhalb der Kurdistan-Region erfordern erhebliche Logistik: Reisewarnung des Auswärtigen Amts prüfen, Visum beantragen, vertrauenswürdige lokale Partner engagieren und keine eigenständigen Überlandfahrten unternehmen. Für Baghdad und die Shia-Pilgerstätten haben sich in den letzten Jahren spezialisierte Kulturreiseanbieter etabliert. Die Karte zeigt die genauen Koordinaten aller Stätten und gibt Hinweise zur aktuellen Zugänglichkeit.