Troja: Neun Städte auf einem Hügel
Troja — der Hisarlık-Hügel in der Nordwesttürkei, an der Einfahrt zu den Dardanellen — ist seit 1871 einer der meistdiskutierten archäologischen Fundorte der Welt. Heinrich Schliemanns Ausgrabungen und seine Überzeugung, das homerische Troja gefunden zu haben, machten die Stätte weltberühmt. Die Realität ist komplexer und interessanter: Hisarlık ist kein einzelnes Troja, sondern ein Palimpsest von neun übereinanderliegenden Städten, die zusammen über 4000 Jahre Siedlungsgeschichte repräsentieren.
Die neun Schichten
Schliemann und seine Nachfolger — Wilhelm Dörpfeld, Carl Blegen, und die moderne Tübingen-Cincinnati-Ausgrabungsmission unter Manfred Korfmann (1988–2005) — haben die neun Hauptphasen identifiziert:
Troja I (ca. 3000–2550 v. Chr.): Eine frühe Bronzezeit-Siedlung mit Rundbauten und einfachen Strukturen — eine von vielen anatolischen Küstensiedlungen dieser Phase.
Troja II (ca. 2550–2250 v. Chr.): Die Stadt, die Schliemann fälschlicherweise für das homerische Troja hielt. Der "Schatz des Priamos" (Gold, Silber, Elfenbein), von ihm 1873 heimlich ausgegraben und nach Deutschland geschmuggelt, ist in Wirklichkeit über tausend Jahre zu alt für Homers Troja.
Troja VI/VIIa (ca. 1700–1180 v. Chr.): Die moderne Konsens-Kandidatin für das homerische Troja. Troja VI war eine große, wohlhabende Stadt mit Unterstadt und Oberstadt, die intensive Handelsverbindungen nach Mykene und Zypern zeigt. Troja VIIa zeigt Zerstörungsspuren, die auf Kampf (Pfeilspitzen, unbestattete Skelette) hinweisen und auf ca. 1180 v. Chr. datieren.
Troja IX (ca. 85 v. Chr.–500 n. Chr.): Die hellenistische und römische Ilion-Stadt. Alexander der Große opferte hier am Achilles-Grab; Kaiser Augustus baute die Stadt als "Ilium" aus. Die Stätte blieb bis in die Römerzeit eine wichtige religiöse und touristische Destination.
Schliemanns Methode und ihr Vermächtnis
Schliemanns Ausgrabungsmethode war für die damalige Zeit konventionell, aber für die Stätte katastrophal: Er grub mit groben Werkzeugen durch mehrere Schichten auf der Suche nach dem "echten" Troja und zerstörte dabei unwiederbringlich Teile aller Schichten, die er nicht für relevant hielt. Die modernen Ausgrabungen mussten mit den Folgen dieser Zerstörung arbeiten.
Der "Schatz des Priamos" — Schmuck und Gefäße aus Gold und Silber — gelangte nach Berlin, wurde im Zweiten Weltkrieg von sowjetischen Truppen nach Moskau gebracht und befindet sich heute im Puschkin-Museum. Die Rückgabe-Forderung Deutschlands (und Griechenlands, das ebenfalls Ansprüche erhebt) ist ungelöst.
Die Korfmann-Ausgrabungen: eine neue Troja-Geschichte
Die Tübingen-Cincinnati-Mission unter Manfred Korfmann (1988–2005) veränderte das Bild von Troja fundamental. Korfmann zeigte durch großflächige Magnetometrie und Grabungen, dass Troja VI eine erheblich größere Unterstadt hatte als bisher angenommen — möglicherweise 200.000 Quadratmeter mit mehreren tausend Einwohnern. Die Stadt war ein bedeutendes bronzezeitliches Handelszentrum, das die Meerengen kontrollierte.
Ein vermutliches Siegelabdruck eines trojanischen Schreibers, gefunden in einem anatolischen Archiv, macht die Identifizierung von Hisarlık als Wilusa (ein Ortsname aus hethitischen Quellen, der mit Troja assoziiert wird) plausibel.
Mythos und archäologische Realität
Ob der Trojanische Krieg stattfand, ist nicht beweisbar — aber nicht ausschließbar. Das bronzezeitliche Troja VI/VIIa war groß genug, um eine bedeutende Machtposition an den Dardanellen zu halten; die mykenischen Griechen hatten Motive (Kontrolle des Meerengen-Handels); die Zerstörungsspuren sind real. Eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen mykenischen Kriegern und der Stadt Troja um 1200 v. Chr. wäre archäologisch konsistent — aber die Ilias-Erzählung ist Literatur, keine Chronik.
Auf der Karte erkunden
Troja (Hisarlık) ist auf der interaktiven Karte eingetragen. Die Stätte ist heute ein gut erschlossener Nationalpark in der Türkei mit einem hervorragenden modernen Museum. UNESCO-Welterbestätte seit 1998.